Im Interview: Wolf Speer über Game One, Sexy Cripples, Spielejournalismus und Trolle

19.04.2013

SexyCripples Girl

Bekannt von MTV Game One (dem einen oder anderen älteren Semester bestimmt auch von NBC GIGA) freuen wir uns heute sehr über unseren Interviewpartner: Wolf Speer. Seit Februar diesen Jahres ist Wolf nicht mehr bei Game One. Wir haben nachgefragt: Was steckt hinter seinem neuen Projekt „Sexy Cripples„? Wie ist es um den Spielejournalismus von heute bestellt? Welche Tipps hat Wolf für angehende Spieleredakteure außer, dass sie blond sein sollten? Und warum sind Kurt Russell und Bernd Stromberg in Wolfs Kosmos moderne Philosophen zeitgenössischer Popkultur? Das und vieles mehr in unserem Interview.

Wolf Speer - modisch wie immer.

Wolf Speer – Vollblutzocker, YouTuber, Kapuzenträger.

Magst du dich unseren Lesern kurz vorstellen, die dich noch nicht von Game One kennen?

Wolf: Mein Profil ist wahrscheinlich nicht so furchtbar originell: Seit etwas mehr als zehn Jahren arbeite ich nun in der Games-Branche, weil mich das Thema schon so lange fasziniert. Nach meiner kurzen, glühenden Leidenschaft für den Beruf des Archäologen war mir spätestens im zarten Alter von zehn Jahren klar, dass ich mal über Spiele schreiben wollte. Das habe ich auch geschafft – nach einem richtigen, anständigen Volontariat durfte ich dann endlich meine Texte auf die Menschheit loslassen. Aus dem Schreiben ist mittlerweile eher das „Darüber-Sprechen“ geworden (es „moderieren“ zu nennen, wäre vermessen), aber die Leidenschaft ist geblieben. Als 80er-Kind habe ich einfach einen viel zu ausgeprägten Hang zur Popkultur in (fast) all ihren Facetten, als dass ich mich darüber nicht austauschen wollte. Und zum Glück bin ich da ja nicht alleine.

Woran arbeitest du aktuell?

Wolf: An meinem kleinen Videoprojekt namens „Sexy Cripples„, das ich zusammen mit meiner Frau Kim auf YouTube mache. Und noch so an zweieinhalb anderen Sachen, zu denen ich jetzt noch nichts sagen kann. Das ist auch so eine Berufskrankheit in unserer Branche: Irgendwie ist immer jeder „was am planen“, über das man stets kryptische Andeutungen macht und sich bemüht, total selbstsicher und erfolgreich zu wirken, um am besten schon jetzt Neid bei den Kollegen zu wecken. Klappt fast immer!

Wie sieht im April 2013 ein typischer Tag im Leben von Wolf Speer aus?

Wolf: Erste Amtshandlung ist immer, Mails zu checken (Klischee Nummer 1). Wenn ich spontan gut drauf bin, beantworte ich die wichtigen auch sofort und schiebe es nicht vor mir her (Klischee Nummer 2). Dann geht’s los mit meinem Tauchgang im Internet, wo ich meine Stammseiten absurfe und nach News, Stories und gehaltvollen, intelligenten Kritiken – nicht „Tests“! – zu Spielen suche (Klischee Nummer 3). Die inspirieren mich sehr, schüchtern mich ob ihrer manchmal wirklich hochklassigen Qualität aber auch oftmals ein. Dann wird endlich wirklich gearbeitet: Texte schreiben. Videos drehen. Videos schneiden. Die Geheimnisse von YouTube lüften. Auf den reichen Sponsor warten, der mir für den ganzen Quatsch viel Geld zahlen will. Und selten vor drei Uhr morgens ins Bett, weil ich irgendwann ja auch noch spielen muss…

Seit kurzem bist du nun auf YouTube mit deinem Kanal „Sexy Cripples“ aktiv. GameStar hat High 5 TV gestartet und auch Game One hat mit dem Rocket Beans Channel auf YouTube experimentiert. Siehst du Vorteile von YouTube gegenüber klassischen redaktionellen Spieleportalen?

Wolf: Das Schlagwort ist schon gefallen: Experimentieren. Das kann man auf YouTube nun mal ganz hervorragend. Die Zeiten, in denen „Experten“ einem sagen, welche Idee „funktioniert“ und welche nicht (weil dieselben Ideen ja schon vor 20 Jahren funktioniert haben…), sind zumindest in dieser Sparte vorbei. Natürlich kommt beim Experimentieren auch viel Unsinn heraus, den man besser wieder von der Festplatte löscht und nie wieder davon spricht. Aber Kreativität, Leidenschaft und Herzblut sind immer bessere Argumente als Marktforschung und Budget-Tabellen. Wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass wir mittlerweile regelrechte Internet-Stars haben, die mit dem Vorspielen eines Videospiels berühmt und wohlhabend geworden sind? Das muss man sich beizeiten nochmal klarmachen. Wie sagte Kurt Russell im Film „Big Trouble in Little China„? Man weiß es nie, wenn man’s nicht ausprobiert (POPKULTUR!).

Bitte vervollständige die folgenden beiden Sätze:

Wolf: Game One ist … vorbei. Also für mich jetzt. Was sollte ich sonst meinen?

Sexy Cripples ist … eine hervorragende Möglichkeit, viel Zeit und Energie und Liebe in anderthalbstündige Gesprächsrunden zu aktuellen Game-of-Thrones-Folgen zu stecken, statt sich einen vernünftigen Job zu suchen. Und außerdem natürlich ein ganz, ganz hervorragender YouTube-Kanal mit den fraglos klügsten und coolsten und attraktivsten Zuschauern (Quelle muss verifiziert werden).

Sexy Cripples: Der neue YouTube Channel mit Kim und Wolf Speer.

Sexy Cripples: Der neue YouTube Channel mit Kim und Wolf Speer.

Persönlich lese ich immer weniger Reviews zu Videospielen und Filmen. Vielmehr schaue ich mir Video-Reviews an und bei Titeln, die mich wirklich interessieren, lese ich zusätzlich Spielberichte auf Blogs. Glaubst du, dass es im Online-Games-Journalismus zukünftig Platz für lange Reviews-Texte geben wird oder werden diese durch Videobeiträge überflüssig?

Wolf: Ich bin überzeugt, dass gute, lesenswerte Texte niemals überflüssig sein werden. Das Problem, das ich sehe, ist eher folgendes: Die meisten Reviews zu Spielen sind schlecht. Es sind seelenlose, unnötig aufgeblasene Checklisten, voller Klischees und abgegriffener Floskeln und eitlem „Geschwurbel“. Ich darf das sagen, denn ich habe in meiner Karriere selber Dutzende, wenn nicht Hunderte solcher Schnarcher verbrochen, ohne Haltung, ohne Vision, ohne einen Funken Individualität. Und jetzt ärgert mich jeder einzelne davon. Da will jemand beim Leser Interesse, vielleicht sogar Begeisterung für dieses unendlich spannende Thema Videospiele wecken – und langweilt sie mit seitenlangen Auflistungen über verschiedene Waffentypen, wie viele Polygone der vorletzte Zwischenboss hat und wie genau das Upgrade-Menü funktioniert. Und vom Thema Prozentwertungen wollen wir gar nicht erst anfangen.

Jemand, der sich dabei filmt, wie er ein Spiel spielt, genügt vielleicht nicht allen journalistischen Ansprüchen. Aber wenn ich jemanden erlebe, der sich begeistert in ein Spiel stürzt und irgendwann jauchzt „Mann, ist das geil!“, dann weiß ich in einer Szene mehr über ein Spiel und wie es wirkt als in den meisten zehnseitigen „Mega-Tests“. Spiele wie „The Walking Dead“ und „Bioshock Infinite“ zeigen: Wir können, wollen, MÜSSEN solche Meilensteine besprechen, analysieren, interpretieren. Wir sind so weit. Videospiele sind so weit. Lahmarschige, verknöcherte Grafik-Sound-Gesamtwertungstexte werden dem Thema einfach nicht mehr gerecht.

Was macht dir persönlich mehr Spaß: Einen geschliffenen Artikel zu schreiben oder ein Video aufzunehmen?

Wolf: Ich schreibe gerne, habe aber nie gelernt, wie man GUT über Spiele schreibt. Ich wünschte, ich könnte so unterhaltsame, erhellende Aufsätze und Essays schreiben wie etwa ein Tom Bissell. Das nötigt mir wirklich Respekt ab, ein Spiel auseinandernehmen, dekonstruieren zu können, Themen und Motive zu erkennen, Interpretationen anzubieten. Ich finde so was extrem spannend und sehe das total gern. Ich taste mich da so langsam ran. Bis dahin drehe ich wohl für’s erste weiter Videos, was ich auch sehr gerne mache und großen Spaß dabei habe. Das eine oder andere Video von mir bringt mich tatsächlich gelegentlich zum Lachen und macht mich fast ein bisschen stolz. Bei alten Texten von mir habe ich das eher selten, leider.

Ich habe bis heute nicht ein Video auf YouTube kommentiert. Lese ich mir dort jedoch Kommentare auf Games-Channels durch, fällt mir oft die fehlende Gesprächskultur auf. Juckt es dir in den Fingern auf „Rumgetrolle“ unter deinen Videos direkt zu antworten oder setzt du ausschließlich auf die selbstregulative Wirkung der Community?

Wolf: Als ich in der Branche angefangen habe, damals bei GIGA, war ich oft erstaunt, wie unendlich ernst manche Leute völlig irrelevanten Quatsch nehmen. Ich hatte mich zum Beispiel mal ein bisschen über „Dragon Ball Z“ lustig gemacht [Anmerkung der Redaktion: Zu Recht!]. In den Mails durfte ich dann orthografisch nicht unbedenkliche Todesdrohungen lesen, die mich sehr erheitert haben. Und ich konnte es nicht fassen: Wie konnte man das denn ernst nehmen, was ich von einer Kinder-Anime-Serie zu wissen glaubte, die ich noch nicht mal selber gesehen hatte, die mir so egal war wie die Nachtgedanken von Gina-Lisa Lohfink? Wenn man das ein wenig länger macht und eine gewisse Dickfelligkeit erreicht hat, kann man solche Internet-Choleriker ebenso wenig ernst nehmen, wie diese solche Sticheleien ernst nehmen sollten. Da muss ich immer an eine Ärzte-Platte denken, die nach einem herrlich unkorrekten Lied endete mit dem Satz: „Nun seid doch nicht so pingelig, ist doch nur ’ne scheiß Ärzte-Platte“. Ganz genau.

Meine Theorie zu dem Erfolg von Let’s Plays ist die „großer Bruder-Theorie“. In meiner eigenen kleinen Vorstellung sind daher der überwiegende Teil aller Let’s Play-Zuschauer maximal 16 Jahre alt und hören andächtig einem „großen Bruder“ zu, der zum einen immer alle tollen neue Spiele hat und gleichzeitig aus seinem langjährigen Gaming-Erfahrungsschatz plaudert. Hast du eine eigene Theorie zu dem großen Erfolg von Let’s Plays?

Vollblutzocker Wolf

Meister der Technik: Wolf

Wolf: Da würde ich widersprechen: Ich glaube, nicht alle Zuschauer von solchen Vorspiel-Videos sind erst 16 und darunter. Ich denke, es ist diese ungeschönte, ungekünstelte Begeisterung für das Thema, das viele Leute anspricht. Das meinte ich bei der vorangegangenen Frage: Bevor ich mir den x-ten „Test“ durchlese, der mir in den immer gleichen Floskeln ein Horrorspiel zu beschreiben versucht, gucke ich mir doch lieber an, wie ein Vollblutzocker versucht, die Contenance zu wahren, während er sich m Dunkeln und mit Kopfhörern regelmäßig zu Tode erschreckt. Natürlich spielt da auch der gewisse Schuss Schadenfreude rein, denn jeder macht mal Fehler, stellt sich doof an oder scheitert intellektuell an einfachsten Klötzchenrätseln für Drittklässler. Und als letztes: Let’s Plays sind eine tolle Möglichkeit, Spiele zu erleben, von denen man sonst nur vage Vorstellungen hatte. Oder selber niemals durchgekriegt hat. Ich kann nachvollziehen, warum man Spiele lieber selber spielt als anderen dabei zuzusehen. Aber dass diese neue Form der Berichterstattung (und das sind LPs) so großen Zulauf bekommt, wundert mich kein bisschen. Keep it real, people!

Als einer der den Spielejournalismus in all seinen Facetten kennt: Welchen Tipp würdest du Bewerbern geben, die eine Karriere als Spieleredakteur anstreben?

Wolf: Ganz, ganz kurz: Viel lesen. Viel schreiben. Gut schreiben. Videoschnitt lernen. Kontakte knüpfen und pflegen. Und keine Scheu davor haben, was Eigenes aufzubauen. Es muss ja nicht gleich die Weltherrschaft sein.

Wenn du einen neuen Kollegen für dein neues Projekt einstellen solltest – auf was würdest DU besonderen Wert legen?

Wolf: Begeisterung, eine gewisse Sicherheit im Thema und Leidensfähigkeit. Und, ganz wichtig: Verlässlichkeit. Wer mal mit Kollegen arbeiten musste, für die Abgabe, Deadline oder Zeitplan Fremdwörter waren, der weiß, was ich meine.

Das ist natürlich alles nur Geschwafel. Blonde Topmodels, die wissen, wie man ein Pad hält, sind aus Prinzip eingestellt.

Zeit für schamlose Eigenwerbung: Welches Projekt, Spiel oder sonstiges müssen unsere Leser einfach kennenlernen?

Wolf: Selbstverständlich Sexy Cripples auf YouTube! Wir freuen uns wirklich über den Zuspruch und die vielen netten Kommentare. Ich hoffe, dass ich bald die Mittel habe, noch mehr (und vor allem schöner!) zu produzieren. „The sky is the limit, sach ich mal!“ (Bernd Stromberg)

Aber lustig, wie die Frage gestellt ist, ein Spiel würde ich nämlich gerne mal machen. Ich habe auch schon eine halbe gute Idee! [Anmerkung der Redaktion: Wir nehmen Schecks für Wolfs halb zu Ende gedachtes Game entgegen und reichen das Geld vertrauensvoll weiter ;)].

Vielen Dank Wolf für deine Zeit! Wir wünschen Kim und dir viel Erfolg mit eurem YouTube Kanal und freuen uns auf die Dinge, die du noch in der Hinterhand hast. Deine Taktik hat funktioniert – wir sind bereits jetzt neidisch darauf! 🙂

 

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Auf unserem Games-Career Blog widmen wir uns den Themen Games-Branche, Karriere und natürlich Games. Dabei setzen wir nicht nur auf eigene Artikel. Genauso interessieren wir uns für deine Ansichten, Meinungen und Erfahrungen zu eben diesen Themen. Mit dem Blog möchten wir dir die Möglichkeit geben, deine Ansichten und Ideen mit der Games-Career Community zu teilen. Betrieben wird der Blog von Quinke Networks.

4 Gedanken zu “Im Interview: Wolf Speer über Game One, Sexy Cripples, Spielejournalismus und Trolle

  1. „Also den Wolf hab ich ja am liebsten“ (wer kennt’s??)
    Ich wünsche dem Wolf viel Erfolg mit seinem neuen Projekt und hoffe, dass der „alte Gregsen“ ihn mal zu einem Plauschangriff einläd.

  2. Interessant! Sexy Cripples ist eh super. Aber eine Frage hätt ich gern gesehen:

    Wolf, wie zum Geier bist du zu dem Namen Sexy Cripples gekommen? 😉

  3. Pingback: Live Let’s Plays mit Wolf Speer und Poly in Frames | Games-Career Blog

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